![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Dialog between civilizations... Iran
Servus alle miteinander! Lange hat's gedauert, aber nun kommt endlich das Travel Update Iran. Gmx und web.de scheinen zu lange Emails manchmal abzuschneiden. Falls diese nicht mit "wegototrip good bye" endet, ist ein Stück verloren gegangen. Die komplette Version findet sich wie immer auf unserer Homepage. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Travel update IranFünf Wochen sind wir durch den Iran gefahren. Fünf Wochen haben wir Menschen und Land kennengelernt. Fünf Wochen schauen, zuhören, lernen, staunen und nachdenken. Meine/unsere Vorstellung von diesem Land wurde schon am ersten Tag in Tehran komplett über den Haufen geworfen. Wir erwarteten einen religiösen Überwachungsstaat - und wurden konfrontiert mit offenen Kritik am politischen System und den Mullahs auf der Strasse. Wir erwarteten im Hintergrund lebende Frauen, in Tschador und Küche versteckt - und lernten die weite Freiheit unterm Schleier kennen, Frauen die an Politik und Gesellschaft aktiv mitwirken und deutlich ihre eigenen Meinungen vertreten. Wir erwarteten ein islamisches Land, das durch die im System verankerte Religion immer noch halb in vergangenen Zeiten lebt (der mittlere Osten waren Beispiel genug) - und fanden uns in einem modernen Land mit freundlichen, respektvollen, kritischen, interessierten, offenen Menschen wieder die uns oft begeistert in ihr Leben blicken liessen. Persien hat nichts mit Arabien zu tun. Darauf legen die Iraner grossen Wert und wir lernten bald die wohltuenden Unterschiede schätzen. Persien war immer ein Land, durch das Reisende anderer Völker und Länder zogen (die Hauptrouten der Seidenstrasse führten fast alle durchs Gebiet des heutigen Iran). Diese Reisenden brachten ihre Kultur mit sich, brachten ein Stückchen der restlichen Welt in die Häuser der Perser. Uns schien es, als lebt dieser Völkeraustausch durch die Jahrtausende bis in die heutige Kultur. Die Iraner reisen nicht viel herum (ausser zu Familienbesuchen). Sie laden Fremde zu sich nach Hause ein, holen sich die Welt in ihre Wohnungen. An der kritischen Neugierde für andere Kulturen scheint sich seit der Zeit der Karavanen nicht viel geändert zu haben. Wir konnten einen roten Faden durch all die wechselvolle Geschichte in diesem Teil der Erde erkennen. Keine Mongolen, kein Schah, keine islamische Revolution, keine Postrevolution konnte der Gastfreundschaft und dem Interesse der Iraner für ausländische Menschen ernsthaft schaden. Präsident Khatami unterstützt diesen Teil der persischen Kultur durch seine Politik der Öffnung. Von ihm stammt auch der Ausspruch: Kommunikation unter den Völkern. Und genau diese Chance bekamen wir viele Male. Wir lernten die Kultur der Iraner kennen und durften ihnen unsere Kultur zeigen. Beiderseitige Vorurteile und verdrehte Bilder wurden zurechtgerückt. Es mag vielleicht hochnäsig klingen. Aber ich/wir sind stolz und glücklich gewesen, ein kleines Stück zur Völkerverständigung aktiv beitragen zu können. Ich hoffe nur, irgendwann ein wenig der unglaublichen Gastfreundschaft diesen Menschen zurückgeben zu können. Der Iran wurde für uns so wertvoll seiner Menschen wegen. Ich versuche Euch von diesem faszinierenden und sehr unterschiedlichen Land zu erzählen ohne die Freunde, die wir hier fanden, in Bedrängnis zu bringen. Die Geheimpolizei ist zwar nicht mehr so aktiv wie vor 4 Jahren aber man kann nie wissen. Es war recht schwierig, all die unterschiedlichen Eindrücke in Worte zu fassen, die für Aussenstehende verständlich und logisch sind. (Sonst macht das Lesen für Euch ja keinen Spass.) Dieses Travelupdate ist stellenweise wohl trotzdem ein Kuddelmuddel geworden. Es spiegelt unsere Reise durch den Iran wieder: ständig fanden wir uns in neuen Situationen wieder, ohne Zeit zum Reflektieren der vorangegangenen Erlebnisse gehabt zu haben. Begann ein Tag mit Sightseeing wandelte er sich plötzlich in tiefe Einblicke der sozialen Probleme im Land. Zur Orientierung hier noch der Wechselkurs: 1DM = 3600 Rial ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Mit dem Bus von Istanbul direkt nach Tehran - 46 hEs war mal wieder typisch. Unser Visum für Iran hatten wir in Istanbul ohne Probleme für 30 Tage bekommen (wir hörten später, wie umständlich es sein kann, ein Visum im Heimatland zu beantragen). Wir kauften auch gleich Bustickets direkt nach Tehran (ca. 40h). Dachten, für's erste Orientieren in diesem Land ist eine Grossstadt bestimmt einfacher. Nach den Beschreibungen im Lonely Planet Reiseführer (nichts ist einfach im Iran und die islamische Polizei, Komiteé genannt, überall präsent) und der Touristbroschüre vom iranischen Konsulat (ein Hoch auf die islamische Revolution und Khomeini + Zahlenauflistungen über all die modernen Errungenschaften in Politik, Bildung, Wirtschaft) wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich von diesem Land denken sollte. Durch die Medien in Deutschland erfährt man auch nur Geschichten über die alten Ruinen oder dass irgendwelche Intellektuelle verhaftet wurde (Propaganda im westlichen Stil). Also hinein ins neue Land und selbst schauen, was stimmt und was nicht...und nicht über Politik in der Öffentlichkeit sprechen. Wir verschoben unsere Abreise dann nochmal um zwei Tage, da Håkan's Laptop komplett neu installiert werden wollte (so geht's wenn man mit Technik reist, sie fordert Beachtung im ungünstigsten Moment ... ). Am Palmsamstag waren wir dann an der iranischen Grenze. Hinter uns leuchtete weiss der Berg Ararat, vor uns stauten sich die türkischen Lastwagen. Über der Grenze ist eine grosse Halle gebaut. Über einer der Doppeleisentüren hängt das Bild von Kemal Atatürk im Anzug, über der anderen das von Imam Khomeini ... zwei Nationalhelden, die immer noch Sinnbild für die politische Identität ihres Landes sind. Unter Atatürk hinaus aus der Türkei, unter Khomeini hinein in den Iran. Rucksack aus dem Bus holen. Warten vor der modernen Zollhalle. Ein Typ aus unserem Bus will Håkan in ein Gespräch über Zensur der Presse im Iran verwickeln ... wir sollen die Augen auf machen und uns ein eigenes Bild von der politischen Situation im Land machen ... !? Mit würdevollem Lächeln werden wir ohne Gepäck-Kontrolle durch den Zoll gewunken .... und sind im Iran. Ich im Pulli und Kopftuch (hatte meine Jacke im Bus vergessen) und kein Polizist kam und machte mich auf die Kleidervorschriften aufmerksam. Kaum durch die Türe wollen mehrere Männer uns schwarz Geld wechseln. Wir gingen lieber zur Bank....und bekommen dort einen besseren Kurs als den vom Schwarzmarkt... alles innerhalb 10 qm ... aha. Kaum im Iran wurden unsere Mitreisenden, hauptsächlich Männer, kontaktfreudig. Wir wurden wechselweise mit Eis, salzigen grünen Mandeln und Tee versorgt. Alle waren sehr neugierig, wo die beiden einzigen Ausländer hier im Bus herkommen und was sie denn so machen. Ein junger Mann ludt uns dann gleich ein, in Tehran bei ihm zu wohnen. Wir lehtnen höflich ab. Er war Single und wir unsicher, wem wir hier wieweit trauen können. Wir fühlten uns anschliessend schrecklich, er konnte seine Enttäuschung über unsere Absage nicht ganz verbergen ... Es war die erste von vielen vielen Einladungen. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Unerwarteter Traumstart in Tehran
|
Last night I dreamed that angels stood without The tavern door, and knocked in vain and wept; They took the clay of Adam and slept. Oh dwellers in the hall of Chastity! You brought Love's passionate red wine to me. |
(Alkohol und fleischliche Lust sind im Islam verboten bzw. gelten als unsittlich, Anm. d. Zitateurs)
Und dann die vielen Bäckereien mit ihren unzähligen Sorten von Safranblätterteigcookies und sahnegefüllten Windbeuteln !!!!! Die iraner Süssigkeiten werden in Geschmack und Qualität nur von den syrischen übertrumpft. Die Bedienung in unserem "Stammladen", freute sich überschwenglich, als wir wieder kamen und öffnete nach der Siesta extra zeitiger für uns. Ein Grund war sicher auch, dass er Håkan äusserst attraktiv fand...;-)
Die meisten Menschen kennen vom alten Persien die berühmte Königsstadt Persepolis (Takht-é Jamshid). Als ich vor einigen Jahren einen Bericht über ihre Ausgrabung sah wusste ich, das muss ich mir ansehen. Und nun war ich hier. Trotz dem Wissen, dass wir pro Person 50 000 Rial löhnen müssen, fuhren wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln die ca. 60 km von Shiraz nach Persepolis. Dann kam die grosse Ernüchterung. In meiner Fantasie war diese antike Stätte etwas ganz Besonderes. In Wirklichkeit ist sie was sie ist, eine Ruine. Iraner können wählen, ob sie nur die Ruinen (3000 Rial) oder auch das Museum (2000 Rial) besuchen wollen. Ausländer müssen ein Ticket für beides kaufen (50 0000 Rial) oder werden nicht hinein gelassen. Die Palastruinen stehen auf einem angelegten Plateau. Die wiederaufgerichteten Säulen scheinen schlank, fast schwebend und unendlich hoch zu sein. Gesichter von König und Adligen wurden von islamischen Fundamentalisten Anfang des letzten Jahrhunderts unkenntlich gemacht worden (im Islam ist das Abbilden von Menschen verboten). Was Alexander der Grosse an Vergoldungen der Wände nicht raubte (er zerstörte die Stadt), wurde im Laufe der Jahrhunderte weggeschleppt. Moderne Plexiglastafeln beschreiben die jeweiligen Bereiche detailliert in arabischer Schrift in Farsi, aber nicht in Englisch (wie war das noch mit der Verwendung der Eintrittspreise von Ausländern für den Erhalt von alten Gemäuern? Für so viel Geld hätten sie die Geschichte zumindest übersetzen können). Die bekannten Reliefs von Bittstellern und Adligen entlang der Treppenaufgänge zur Audienzhalle des Xerxes wiederholen sich hunderte Male. Ausser vielen Mauern gibt es enttäuschend wenig zu sehen. Die zwei Gräber an den Felsen hinterm Palastgelände boten eine schöne Aussicht über die Ebene ... sonst nichts. Das Museum war ein Witz. Eine korodierte Bronzefanfare und zwei Steine mit Briefen von Darius und Xerxes in Keilschrift waren die einzig interessanten Dinge. Der Rest waren mehr oder weniger Tonscherben und verstaubte Perlen. Meiner Ansicht nach lohnt es sich nicht, wegen Persepolis in den Iran zu fahren, geschweige denn soviel Eintrittsgeld zu bezahlen. Von einem schönen Bildband über diese alte Stadt hat man mehr.
Wir wurden dann von einer Studiosus Reisegruppe mit dem Bus zu den sechs km entfernten Rostam-Gräbern mitgenommen. Der Busfahrer bot uns zwei schwitzenden Anhaltern Mineralwasser an. Die Reiseleiterin fand es toll, dass wir uns so viel Zeit für's Reisen durch diese Gegend nehmen. Sie studierte Farsi in Tehran und reiste auch viel alleine durch den mittleren Osten. Für manche der Touristen waren wir eine richtige Attraktion. Ein ca. 30jähriger Mann fragte uns interessiert, ob es denn nicht schwierig sei, im Iran ohne Gruppe zu reisen. Ob wir Probleme mit der Polizeit hätten? (die iranische Polizei ist sehr nett und äusserst hilfsbereit!) Wir erzählten ihm ein wenig von unseren bisherigen Erfahrungen und der Wärme der meisten Menschen. Was weiss man in Deutschland schon vom Iran?
Die Gräber sahen wir uns dann von aussen an. Freundlicherweise ist der Absperrzaun in Sichtweite der drei Felsengräber und einem in den Felsen gehauenen Tempel aufgestellt. Die Reliefs waren gut sichtbar und zeigten eh die gleichen Motive wie die der Persepolisgräber. Sie erinnerten uns stark an die Felsenwohnungen von Petra/Jordanien.
Ein Problem bekomme ich mit all den Ruinen des Mittleren Ostens. Die Städte und Paläste in Syrien waren sooooo beeindruckend und vielseitig, dass danach jedes Persepolis wie ein Laiensteinhaus aussieht. Wahrscheinlich sind wir mittlerweilen einfach zu verwöhnt von den Stätten am Anfang unserer Reise.
Im Iran hätte es noch viele andere Ruinen gegeben. Alte Palastfundamente, Reliefs an Felswänden, Tempel vergangener Religionen gibt es im Süden zu Hauf. Wir sahen uns keine mehr an. Waren einfach zu voll von arabisch/persischer Kultur, die uns seit sechs Monaten begleitete und begegnete.
Wir kauften dummerweise das Busticket einen Tag vor unserer geplanten Abreise. Busfahrten im Iran, Lektion 2: kaufe nie ein Busticket im Vorraus. Gehe einfach zum Busterminal und steige in den nächsten abfahrbereiten ein. Als wir zum Terminal kamen, kam uns am Ausgang ein Bus nach Isfahan entgegen der noch Plätze hatte. Unser gebuchter fuhr 1½ h später los. Wir entschieden uns für eine Tagesfahrt, um auch was von der Landschaft im Iran zu sehen. Die Strecke Shiraz-Isfahan ist allerdings nicht so berauschend. Viel Nichts, Staub, Hitze, kahle Bergrücken. Wir waren froh, nach sieben Stunden Fahrt incl. Mittagspause, endlich in Isfahan anzukommen.
Stadtbusse: Hab ich ganz vergessen zu berichten. In allen Städten gibt es sehr gute Stadtbusverbindungen. Man kauft vorher kleine Tickets (100 bzw. 150 Rial wert). Pro Fahrt zahlt man dann dem Kontrolleur 1-2 dieser Tickets. Männer sitzen im vorderen Teil, Frauen im hinteren (wie entspannend). In Tehran blickten wir allerdings nie durch, wieviel wir eigentlich bezahlen müssen. Für die gleiche Strecke bezahlten wir manchmal einen, manchmal 2, manchmal gar keinen Streifen ??? Es ist uns immer noch ein Rätsel, wie dort das Preissystem funktioniert. So eine Stadtbusfahrt war jedesmal etwas besonderes ... die Menschen neben uns, interessiert wie sie sind, verwickelten uns in die unterschiedlichsten Gespräche. Ich glaube ich sass kein einziges Mal für lange stumm in einem Bus. Viele Frauen können Englisch, was für mich sehr bequem war. Im Bus zur Innenstadt von Isfahan fragte mich meine Banknachbarin, ob ich Muslim sei, da ich muslimische Kleidung trage. "Christin" meinte ich. Sie war sehr verwundert. Ob ich denn den Mantel von der Islamischen Republik bekommen hätte. Nein, meinte ich, ich kaufte ihn in Tehran. Das freute sie sehr. Håkan dagegen wurde viele Male mit der unzufriedenen politischen Situation konfrontiert. Die Mullahs sind korrupt und gehören ins Gefängnis oder aufgehängt, unterm Schah war alles besser, was er vom Aufstand der Palästinenser halte, Amerika ist das Ziel aller Wünsche. Und das jedesmal in der Öffentlichkeit ... Glatteis ich komme.
Wehte uns in Shiraz ein eher kühler Wind entgegen, fand ich die Isfahanis voller Wärme und Wohlwollen. Die Menschen lächelten uns freundlich an. Wir hörten ehrlich klingende "welcome"s anstatt der anzüglichen von Shiraz. Das Fenster unseres Hotelzimmers blickte genau auf die Kuppel der gegenüberliegenden Madrassa (geistliche Schule). Die weiten Strassen der Stadt sind mit Bäumen gesäumt, manchmal mit Parkanlagen entlang der Mitte. Ich fühlte mich sofort wohl hier.
Isfahan ist u.a. berühmt für seine grossen Moscheen und die alten Brücken über den Fluss. So planten wir urspünglich, einen Tag Moscheen und Bazaar anzusehen, den anderen Tag am Fluss entlangzulaufen und die historischen Brücken samt Parks zu sehen.
Am Freitag zogen wir dann los auf Sightseeingtour.
Als wir zum Khomeinisquare (wird von den Isfahanern nur Imam Square genannt) kamen, war schon Freitagsgebet und die Moscheen für Nichtmoslems geschlossen. Also schlenderten wir entlang der Arcaden, guckten uns die Auslagen der wenigen, geöffneten Souvenirläden an (interessante filigrane Dekors auf feinem Porzellan), assen Softeis (es schmeckt so fantastisch im Iran!!). Wir gingen durch die überdachten, mittelalterlichen Bazarstrassen (alle Geschäfte am Freitag geschlossen) zur alten Jamé Moschee, wurden an einer Ecke zum Tee eingeladen von den sich dort treffenden und diskutierenden Freitagsmoscheegängern (natürlich nur Männer). Sie ist aus dem 11.Jhd und die schönste, würdevollste die ich je im Iran besuchte (mein absolutes Favorite). Ein alter Mann machte auf Farsi Witze über Håkans lange Haare und seine eigenen kurzen (lange seien für ihn nicht erlaubt, ansonsten würden die Mullahs ihn einen Kopf kürzer machen). Auf dem Weg zurück lud uns ein Taxler zum Mittagessen ein (was wir dankend ablehnten) und ein Teppichhändler bot uns Tee an nachdem wir deutlich machten, wir wollten nichts kaufen.
Wir besuchten ein kleines Mausoleum an dem wir zufällig vorbeikamen; schmunzelten über die Pappmaché Dinosaurier und Elefanten im Garten des Natural History Museum; plauderten mit zwei Franzosen über Bam und Yazd (es waren die ersten Individualreisenden, die wir im Iran trafen!); sahen uns einen wunderschönen Pavillion eines Shahs an und schlenderten im umliegenden Park umher. Er war bevölkert von Isfahaner Familien beim Freitagspicknick. Einige luden uns Vorbeigehende ein zum Essen oder Tee. Wir besuchten den Sehel Chotun Palast. Eine Mitarbeiterin des Museums erklärte uns die riesigen Fresken an Wand und Decke. Sie war ganz erstaunt darüber, als am Vortag Japaner sich über die Touristeneintrittspreise beschwerten und meinten in Japan zahlen Ausländer und Einheimische die gleichen Eintrittspreise. Und dann berichtete ich ihr auch noch das gleiche von Europa. Sie erzählte mir dann, dass das Eintrittsgeld zum Touristen- und Geschichtsministerium geht (so was ähnliches jedenfalls). Dies entscheidet dann, wieviel Geld die jeweiligen Museen oder Parks bekommen. Restaurationen fielen nicht viele darunter. Ausserdem wird die islamische Revolution damit finanziert (dieser Satz stammte wohl noch aus ihrer Schulzeit, hörte sich jedenfalls für mich so an).
Zurück auf dem Imam Square strömten die Menschen aus der Imam Moschee (vormals Shah Moschee ...) heraus. Wir die alle darin Platz fanden, ist mir heute noch ein Rätsel. Der Muezin sang seinen Abschlussgesang ... und im Hintergrund war ein ganzer Chor zu hören! Hörte sich an, wie ein Popsong und war was völlig neues für uns. Schwungvolle Chorgesänge zu den Gebetszeiten sollten wir in Isfahan und später in Maschad noch öfters hören. Wir sahen uns die Imam Moschee an (natürlich müssen Ausländer Eintritt bezahlen, Moslems gehen ja nur zum Beten hinein). Sie ist ein Aushängeschild des Iran, gross, vom Boden an bis unter die Gewölbe komplett mit blauen/grünen Mosaikkacheln verkleidet. Verrückt. Mir war sie allerdings zu protzig. Ich besuchte dann alleine die kleine aber feine Sheikh-Lotfollah Moschee an einer Längsseite des Platzes. Sie hat keinen Innenhof, nur einen quadratischen Hauptraum mit beige gekachelter Kuppel auf die das Abendlicht wunderschöne Farben zauberte.
Als ich rauskam, war Håkan in ein Gespräch mit einem Isfahaner Händler vertieft. Bald gesellte sich ein junger Englischlehrer dazu. Er kommt mit seiner Familie (zwei Schwestern und beide Eltern) öfters am Freitag zum Imamplatz, um mit Touristen englisch zu üben (das scheint in Schulen und Unis so was wie eine Hausaufgabe zu sein. Passierte uns öfters, dass junge Leute, Männer wie Frauen, uns ansprachen zum "englisch üben"). Wir sassen da auf den Stufen der Moschee, die Sonne ging orangerot hinter den Arcaden des Imam Square unter, Håkan diskutierte mit den Männern, ich erzählte mit den beiden Töchtern ... und nach einer Weile lies die Mama durch ihre Töchter ausrichten "come to my house!". Wir nahmen diesmal an (nachdem wir den ganzen Tag nur Absagen erteilten, nicht besonders höflich), sausten ins Hotel zum Duschen und saubere Sachen anziehen. Um 22 Uhr holte uns der Sohn mit dem Auto ab und fuhr uns an den Stadtrand von Isfahan, in den ältesten Teil, wo die Familie seit Generationen wohnt. Der Vater war erst nicht so begeistert von der Idee, uns nach Hause mitzunehmnen. Sein Haus sei nicht gut genug für uns, ausserdem sei es zu klein (250 qm !!). Er entschuldigte sich während unseres Besuches mehrere Male für seine bescheidene Behausung (dass Håkan und ich in einer 40 qm Wohnung zusammen wohnten, wollten sie nicht so recht glauben)
An diesem ersten Abend wurden wir erneut mit der iranischen Gastfreundschaft überschüttet. Wir lernten den zweiten Sohn der Familie kennen, ein Onkel und ein Nachbar kamen zum Besuch. Die Familie bot uns mehrmals Stühle an (sie sitzen auf dicken Teppichen auf dem Boden, waren sich unsicher, ob dies für uns nicht zu unbequem sei). Wir wurden den ganzen Abend mit Süssigkeiten, Tee, Obst und um Mitternacht mit Abendessen bewirtet (wobei sich die Mama entschuldigte, dass sie nicht richtig aufgekocht hatte).
Einer der Söhne spielte für uns Nej (Bambusflöte, die auf den Zähnen gespielt wird, Håkan und ich versuchten vergeblich ihr Töne zu entlocken) und Dulcmer ( die iranische Version des Hackbrett. Ist halb so gross wie das alpenländische und wird mit federleichten Schlegeln gespielt :-)). Wir lernten zum ersten Mal iranische Volksmusik kennen.
Sie zeigten uns das Video vom Neujahrsausflug diesen Jahres. Am islamischen Neujahr gibt es 2 Wochen Ferien. In vier Autos fuhren 26 Personen (alles Verwandschaft) in den Süden ans Meer für 4 Tage. Alle 26 Personen übernachteten in zwei Klassenräumen einer Schule. Die werden über Neujahr kostenlos iranischen Urlaubsfamilien zur Verfügung gestellt. Einen Nachmittag spielten sie Schule! Alle 26 grossen und kleinen Leute sassen in den Schulbänken. Eine ca. 10 jährige spielte die Leherin (eine fünfjährige schmollte, sie wollte die Lehrerin sein und durfte nicht). Die Erwachsenen spielten ausgelassen mit. Papierflieger segelten durch die Gegend, zwei schwätzten, sie zogen ein Mädchen am Kopftuch, quatschten dazwischen. Die "Lehrerin" erteilte mit ernster Mine Strafarbeiten, Rügen, einer der ungezogenen Schüler musste in die Ecke. Was für einen Spass all die Leute hatten! Wenn ich mir vorstelle, meine Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Qusinen usw. spielen zusammen auf einem Familienausflug? Wie steif wir Westler doch oft sind.
Håkan und ich blieben dann über Nacht. Unser Hotel sperrte um Mitternacht die Türe zu und es wurde weit später.
Am nächsten Morgen (nach einem riesigen Frühstück) besuchten wir die Farm des Grossvaters. Die Familie lebt seit Generationen in diesem Ortsteil der Stadt. Isfahan umbaut langsam viele der Felder. Der Grossvater brauchte eine neue Grundwasserpumpe. Die Stadtverwaltung genehmigte sie sehr lange nicht. Sie will, dass die Bauern in diesem Bezirk ihr Land zum Häuserbau verkaufen. Wir sassen ein Stündchen auf einem alten Teppich vor dem Hof (bestand eigentlich nur aus einem kleinen Haus mit Geräteraum und altem, jetzt leerem Stall. Gewohnt hat ausser Landarbeitern hier noch nie jemand. Die Bauern wohnen in richtigen Häusern im Ort). Wir wurden mit Tee und Keksen bewirtet. Und der Grossvater entschuldigte sich dafür, dass er hier draussen kein richtiges Serviertablett hat... Eine der Töchter fuhr mit. Obwohl das Wohnhaus unserer Gastfamilie nur fünf Minuten Fussweg vom Hof entfernt lag, war sie seit über einem Jahr nicht hier. In diesem Teil des Landes sei es nicht üblich, dass Frauen auf den Feldern mitarbeiten oder die Höfe besuchen.
Håkan und ich wollten uns am Vormittag noch die Brücken und eine armenische Basilika ansehen. Hätten wir lieber nicht erwähnen sollen. Natürlich fuhren uns die beiden Söhne und eine der Töchter mit dem Auto über die alten Brücken zur Vank Kathedrale in die Stadt hinein. Gäste lässt man nicht allein umherirren. (Und wir hatten hinterher den Eindruck, ihnen die Siesta genommen zu haben. Wieder ein Fettnapf).
Die Vank Kathedrale ist eine alte armenische Kirche. Zwischen Basilika und Museum war ein grosses Transparent gespannt: "Gedenktag des Genocids an armenischen Christen, verursacht von der türkischen Regierung" ... Die Kirche selbst ist innen von oben bis unten voller Fresken. Leider hatten wir nur ein paar Minuten Zeit (kamen kurz vor Mittagsschluss hinein). Die vielen Szenen aus Neuem und Altem Testament waren beeindruckend lebendig dargestellt. Die Bibelworte wurden einfach in ausdrückende Gesten und Mimiken umgesetzt. Wunderschön.
Am späten Nachmittag nahm der älteste Sohn, der Englischlehrer, Håkan mit in seine Schule. Ich blieb mit den Frauen zu Hause. (es ist eine reine Jungenschule, Frauen sind im Gebäude nicht erlaubt). Es war ein toller Nachmittag, für beide von uns.
Eine Cousine der Familie kam zu Besuch. Sie studiert Politik an der Isafahaner Uni, bekam ein Stipendium. Kaum waren alle Männer aus dem Haus, wurden die farbigen Haus-Tschadors und Kopftücher abgelegt (auch ich trug bis dahin die ganze Zeit Mantel und Kopftuch im Haus). Die Mädchen und Frauen wollten alles von mir wissen. Wie es sei, zu reisen, die verschiedenen Kulturen, keine feste Wohnung zu haben, wie die Menschen in anderen Ländern sind, das verschieden Essen, was wir von zu Hause vermissen, wie ich mir mein Leben in Zukunft vorstelle, was ich vom Iran halte, welche Träume ich habe, wie ich die Beziehung zum Håkan sehe, ob meine Eltern ihr Einverständis zu unserer Heirat gaben (der schwierige Teil in all diesen Gesprächen, Håkan und ich sind "offiziell" in allen islamischen Ländern verheiratet, und manchmal war es nicht möglich, Details dieses Thema galant zu umschiffen. Freunden halbwahre Geschichten zu erzählen war jedesmal schrecklich). Und ich fragte: "wie ist es, als Frau im Iran zu leben". Die Offenheit und Gegenwärtigkeit der Frauen in diesem Land verblüffte mich immer wieder. Sie haben ihre eigene Meinung zu Politik, Familie, Gesellschaft. Wirken aktiv mit in den Bereichen in denen sie leben. Wollen gestalten und tun dies auch. Sie vertreten Ihre Meinungen klar, auch Männern gegenüber (dort mit dem gebührenden Mantel des Respekts). Sie berichteten mir, was sich seit den Zeiten des Schahs und unter der islamischen Revolution alles veränderte. Während des Schah Regimes trugen die Frauen westliche Kleidung, sie wurden aber nicht zu Universitäten, selten zu Gymnasien zugelassen. Nur wenige durften arbeiten und Geld verdienen. Die islamische Revolution Khomeinis brachte dem Land die Demokratie. Die Bevölkerung, auch die Frauen, erhielten Wahlrechte zu bestimmten Dingen. Frauen wurden zum Studium zugelassen, durften bestimmte Berufe erlernen und auch ausüben. Präsident Khatami öffnete den Zugang auch zum politischen Leben für Frauen. Es gibt nun zwei Ministerinnen im Kabinett (eine davon ist Umweltministerin), durchgesetzt gegen den Willen der Konservativen. Frauen arbeiten in Ministerien, sind im Parlament präsent. Nur Richterin kann man hier nicht werden. Dafür seien Frauen zu emotional (aha). Und Radfahren tun sie auch nicht. Die Fähigkeit dazu hätten sie natürlich, aber gesellschaftlich ist es nicht o.K.
Die Frauen dieser Familie waren sich ihrer traditionellen Rolle innerhalb Ehe und der Männerwelt gegenüber sehr bewusst. Genauso bewusst waren sie sich auch ihres Einflusses und der Möglichkeiten, Land und Leben mit zugestalten. (Ach ja, von Männer scheinen iranische Frauen wirklich nicht so viel zu halten. Bekommt man einen guten Ehemann, der sich um Geld und Familie kümmert, hat man Glück gehabt. Die Männer seinen im allgemeinen keine besonders verlässlichen Wesen. Sie seinen oft arbeitsscheu und untreu. Im Norden sei es besonders deutlich. Dort liegt alle Arbeit in Haus, Hof und Feld bei den Frauen und die Männer täten gar nichts. In Isfahan gingen die Männer zumindest Geld verdienen) Zwischen all den Diskussionen schaukelten wir im Garten, machten lustige Fotos, sahen zum x-ten Male die mitgebrachten Fotos von Håkans' und meiner Familie/Freunden an. In meine kleine Nichte waren die Mädels richtig vernarrt. Die Mama hörte zu und strahlte mich die ganze Zeit an. Sie verstand kein Wort Englisch. Überlegte sich aber am Schluss, die Sprache nun zu lernen. Sie wurde mit 13 Jahren verheiratet, bekam mit 15 den ersten Sohn. Nun ist sie 43, hat vier Kinder und ein Haus zu versorgen, telefoniert täglich mit ihrer Mutter und Schwester (worüber die Kinder Witze machen) und meint, sie sei zu alt zum Lernen. Das versuchte ich ihr allerdings auszureden. Ich kenne einige Frauen, die mit 50 nochmal eine Ausbildung begannen. Es war ein schöner, bereichernder Nachmittag.
Håkan kam begeistert aus der Schule wieder. Sechs Stunden lang war er zu Gast in sechs verschiedenen Klassen, von Anfängern bis zum Fortgeschrittenenkurs. Die Schüler wollten alles von ihm wissen. Viele Fragen begannen mit: stimmt es, dass ...( Dies begegnete uns im Iran sehr oft. Die Menschen erfahren durch Zeitungen und Fernsehen über das Ausland. Viele bleiben kritisch. Wenn sie dann jemanden aus dem Westen treffen, wollen sie wissen ob das was ihnen die Medien zeigen, der Wahrheit entspricht.) Håkan wurde mit Fragen von Euthanasie über die Rolle der Religion in einer Gesellschaft zu "wie kann man den Tourismus im Iran verbessern" gelöchert. Er war total platt von der Offenheit der Schüler. Er hörte offene Kritik an dem Machtmissbrauch des Klerus im Staat und Glorifizierung der islamischen Revolution im gleichen Klassenzimmer.
Am Abend dieses intensiven Tages kam die Schwester samt Kind und Mann zu Besuch. Sie fragte mich erst mal, ob ich schwanger sei ... Wir assen zu zwölft um den am Boden ausgebreiteten Tisch (eine dicke Plastiktischdecke auf der alle Speisen und Brote ausgebreitet werden, kannten wir von Syrien), lernten leckere Kräuter kennen ... und erweiterten unseren Küchenzettel für unsere Bleibe in der Zukunft (seit Beginn der Reise schreiben wir Ideen für unser fiktives Haus und Ausstattung für unsere Küche auf, Iran: die verschiedenen Kräuter, Dugh - Joghurt/Wasser-Mix mit frischer Minze).
Håkan fragte den ältesten Sohn, ob er gerne heiraten würde. Er wurde verlegen. Heiraten im Iran ist sehr teuer. Eine Frau fragt: hast du ein Haus, hast du ein Auto, hast du Geld? Im Augenblick kann er sich eine Heirat noch nicht leisten, zu teuer.
Gegen Mitternacht dann die endgültige Verabschiedung. Wir wollten am nächsten Tag weiterfahren und mussten noch packen. Alle waren traurig, auch wir. Wir waren die ersten Ausländer in dieser Familie. Es war ihnen eine besondere Ehre, dass wir ihre Einladung annahmen. Nicht weniger fühlten wir uns geehrt und berührt von ihrer Offenheit und der Wärme mit der wir aufgenommen wurden. Sie zeigten uns ein anders Stück Leben im Iran. Aber es gibt ja die Post (Internet haben sie keines) und wir kommen eh wieder einmal in den Iran und schauen dann definitiv in Isfahan vorbei. Der älteste Sohn fuhr uns nach Hause. Da sassen wir nun wieder im Hotelzimmer, reichlich durcheinander. 26 h nur waren vergangen, seit wir diese Familie kennenlernten. 26 h, die tiefen Eindruck in uns hinterliessen. Unsere westlichen Seelen waren übervoll von all den neuen Eindrücken. Wir beschlossen, den kommenden Tag noch in Isfahan zu bleiben, wenn auch mit schlechtem Gewissen, da wir die Familie ja nicht besuchten.
Den kommenden Tag spazierten wir dann nochmal durch den nun geöffneten alten Bazaar, sahen den Kupferschmieden zu wie sie ihre grossen und kleinen Kessel behämmerten, wanderten entlang des ausgetrockneten Flusses (es regnete seit 2 Jahren zu wenig) und der historischen Brücken im Park. Wir brauchten den Tag, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und die ganzen Erfahrungen zu verarbeiten.
Am nächsten Tag verliessen wir dann Isfahan, nahmen den Bus nach Hamadan. Im Stadtbus zum Terminal sprach mich eine ältere Dame an. Sie war ganz aus dem Häuschen, dass hier zwei Reisende mit dem normalen Bus fuhren. "Musafer, musafer" rief sie immer wieder lächelnd ihren zwei Begleiterinnen zu. Musafer heisst Reisender. Die Fahrt dauerte fast 9 Stunden lang und so kamen wir wieder mal bei Dunkelheit in einer unbekannten Stadt an.
So freundlich die Isfahanis waren, so unfreundlich begegneten uns die Menschen in Hamadan. Es war ein krasser Kontrast. Hamadan scheint sich für Ausländer noch nicht wieder geöffnet zu haben. Viele Leute fingen unsicher das Kichern an, wenn sie uns auf der Strasse sahen. Als Håkan einen Nachmittag alleine ein Internet suchte, fragte ihn ein Passant, wo denn seine Frau sei. Die letzten Tage hätte er ihn immer mit mir zusammen gesehen. Die Menschen in Isfahan beobachten. Auch von jungen Frauen bekamen wir unverschämte "hello"s zu hören. Die Atmosphäre in der alten Moschee im Bazaar war dann eine ganz andere. Eine Frau kam auf mich zu und begrüsste mich auf Farsi. Einige Männer nickten wohlwollend, als ich nach 20 Minuten immer noch im Hof der Moschee sass. Anscheinend freuten sie sich, wenn eine Touristin sich Zeit nimmt für ihre wichtigsten Stätten und nicht durchrauscht (wie die kleine Tourgruppe während der Zeit meines Besuches in der Moschee).
Einen Tag lang genossen wir unser grosses Zimmer mit Toilette und Bad, die Ruhe und die vom Regen frische Luft. Unsere Zimmertüre hängten wir mit zwei Leintüchern ab. Der obere Teil war aus durchsichtigem Glas (man konnte von der Treppe aus ins Zimmer sehen, was einige Jugendliche auch gleich nutzten) und die Türrahmen hatten zentimeterdicke Spalten.
Einen Tag fuhren wir dann mit dem Bus 1½ h zu den Ali Sadr Höhlen. Diese weitläufigen Tropfsteinhöhlen wurden vor 40 Jahren in einem kleinen Ort entdeckt. Touristen zahlen horrende 30 000 Rial Eintritt, das Ticket wurde dann vom Kontrolleur in kleine Schnipsel zerrissen (er wollte es behalten, wohl schwarz verkaufen, und wir protestierten heftig). Viele Schulklassen waren unterwegs (was viel Gelärme, eumhüpfen auf den Stalaktidenstümpfen und ständiges uns-Belagern bedeutete. Welchen Job die Lehrer bei so einem Ausflug fanden wir nicht heraus). Die Höhlen sind sehr gross, mit klarem, kühlen Wasser gefüllt. Zuerst wird man ½ h lang in zusammenhängenden Treet- und Ruderbooten durch die Gänge gefahren. Dann geht man auf einem Rundweg durch eine riesige, hohe Höhle. Zurück wieder mit dem Boot. Als ein französisches Team die Höhlen erforschte und kartierte muss sie unglaublich beieindruckend gewesen sein. Nun sieht man die Spuren der Achtlosigkeit, mit denen die Iraner dieses Naturwunder behandeln. Viele Stalaktiden sind abgebrochen oder abgesägt. Die übriggelassenen Stümpfe sieht man noch. Arbeiter und Besucher hüpfen hinter Absperrungen auf den Felsen herum, bieseln in die Höhle anstatt in die Toiletten davor. Müll liegt im Wasser an den Anlegestellen. Die Ruderer hacken in das Gestein, um dessen Brüchigkeit zu demonstrieren. Unserer hackte gleich einen riesen Brocken heraus. An einer Ecke steht, dramatisch beleuchtet, ein Pappmaché-Dinosaurier. Anstatt die einzelnen Tropfsteinformen zu erklären, wurde ihnen Namen gegeben (Adlerfuss, Freiheitsstatue). An den Wänden hängen überall Schilder mit Versen des Korans, in Farsi und Englisch. Nach 1½ h waren wir wieder draussen. Ziehmlich ernüchtert. Ein paar Jahre noch, und dann ist von der Naturschönheit dieser Tropfsteinhöhlen nur noch ihre Weitläufigkeit übrig. Traurig.
Die Fahrt über die Hochebene dagegen war wunderschön. Sanfte, grüne Hügel, ein kleiner See, alte Orte aus beigen Lehmziegeln, Ruinen einer alten Festung. Ich konnte fast die Karavanen durchziehen sehen.
Nach zwei Tagen in Hamadan fuhren wir mit dem Bus zurück nach Tehran. Wir kamen direkt nach einem heftigen Wolkenbruch dort an. Die Stassen waren voller schwarzglänzendem, glitschigen Öl - der aus der Luft gewaschene Smog! Ein junger Mann half uns, den Weg vom Busterminal zum richtigen Stadtbus zu finden (15 Minuten laufen über Schmierseife und durch abendlichen Verkehr). Alleine hätten wir ihn nie gefunden. Er fuhr mit uns dann die ganze Strecke zum Khomeini Square, stellte sicher dass wir unsere Bekannten hier auch telefonisch erreichen. Wir wollten erst anrufen, ob wir ein Hotel nehmen oder zu unserer Familie kommen sollen. Uns war es schon arg, ihn so lange aufzuhalten. Iranische Hilfsbereitschaft.
Der Hausherr war wieder auf Geschäftsreise in der Türkei. Wir verbrachten einen netten Abend mit dem Rest der Familie. Leider konnten sie nicht wie ursprünglich geplant mit zum Damavand kommen (deswegen hatten wir unsere Rückkehr auf einen arbeitsfreien Freitag gelegt). So fuhren wir am nächsten Tag alleine in die Berge. Unsere Familie war viel unterwegs. Parties, Freunde besuchen, ihr Engagement im Tennisclub. Einen Abend sahen wir einen indischen Kinofilm im Fernsehen. Er spielte auf einer Europareise. Bilder von Garmisch, Mondsee und der Schweiz verursachten heftiges Heimweh nach meiner Landschaft zu Hause (die ich schon recht vermisse). Die ältere Tochter fragte mich dann: Denkst du, du hast ein gutes Leben? Ja, war meine Antwort. Und die kam sehr bewusst. Sie ist 16 und möchte nun auch reisen. Ihre Mutter ist davon gar nicht begeistert. (die Sorge der Eltern von reiselustigen Kindern ... das kam mir sehr bekannt vor :-)
Nach zwei Tagen Tehran fuhren wir mit dem Bus durch das Elborz- Gebirge (ist glaube ich die deutsche Bezeichnung dafür) nach Ramsar am Kaspischen Meer. Die Fahrt war landschaftlich beeindruckend. Hohe Berge, die Strasse windet sich an dicht bewaldeten Hängen entlang. Stausee, hoher Pass, Schneegipfel. Wir fuhren an vielen Villen mit Swimmingpool und Stacheldraht auf der umgebenden Mauer vorbei; durch Täler, wo die reichen Iraner ihre Ferienvillen haben. Physisch war's eine Tortur. Håkan hatte Mandelentzündung und Fieber, ich hatte Durchfall und Fieber. Eine super Kombination.
Nach 7 Stunden Busfahrt kamen wir endlich in Ramsar an. Wir erwarteten einen reizenden, grünen, freundlichen Ferienort ... und landeten in einem verbauten, unverschämten Etwas. Zwei positive Dinge fanden wir dennoch: eine Ferienwohnung mit eigener Küche und eine Finnin.
Kaum aus dem Bus rausgelassen (der hielt natürlich nicht am Terminal, sondern irgendwo entlang der Haupstrasse; auch die Beschwerde dreier iranischer Touristinnen half nichts), mislangen alle unsere Orientierungsversuche. Der Ortsplan unseres Reiseführers liess einfach 80 % der Strassen aus, Passanten dachten nicht im Traum daran, uns den Weg zum Zentrum zu zeigen. Die ganze Situation hier war für iranische Verhältnisse sehr untypisch. Nach langem Rumgelaufe (was mit fast 39 Grad Fieber kein Spass war) fanden wir dann endlich ein Hotel, und noch besser, es war eines mit Ferienwohnungen. Es wurde mit 100 000 Rial/Nacht unsere teuerste Unterkunft im Iran, sie war es jeden Rial wert. Endlich eine Küche und Kühlschrank !!! Am ersten Abend gab's dann gleich Pasta á la Bettina. Und wir hatten einen gemütlichen Platz zum Krankheiten auskurieren. Das einzige Problem war die hohe Luftfeuchtigkeit. Unsere gewaschenen Sachen trockneten wir kurzerhand über dem brennenden Gasofen ... wie zu Oma's Zeiten :-)
Der Ort selbst war ziehmlich hässlich. Ein Durcheinander von Beton und Holzhäusern, Minibazaar der nach allem möglichen Abfall stank, Souvenirläden voller ausgestopfter Tiere (z.B. zwei Hasen beim Rammeln ... und das in einem islamischen Land!).
Nachdem ich wieder halbwegs fit war, zog ich am zweiten Tag los den Ort zu erkunden... und traf auf der Strasse auf eine Finnin. Sie war mit einer Reisegruppe für 14 Tage im Iran unterwegs. Diesen Nachmittag hatten sie programmfrei und so wollte sie sehen wie es ist, alleine durch die Strassen zu gehen. Wir fanden den Weg hinunter zum Meer. Die Strände hässlich mit viel Müll, die Ufer zugebaut mit teuer aussehenden Häusern in hunderten verschiedener Baustile (Städteplanung hat wohl doch seinen Sinn, auch wenn mir die in Deutschland immer zu strikt und dogmatisch vorkam). Die sog. Strandcafés sahen aus wie wirr zusammengenagelte Bretterbuden. Und am Ende der vom Ort kommenden breiten Hauptallee durfte eine Schwanenskulptur flankiert von zwei goldenen Löwen nicht fehlen. Na ja. Die Iraner haben einfach einen anderen Schönheitssinn als die Europäer. Die Finnin und ich hatten sehr interessante Gespräche. Es war das erste Mal, dass sie mit Reisegruppe reiste. Bisher war sie immer selbständig unterwegs gewesen. Nur beim Iran war sie sich unsicher, wie sicher es ist für eine alleinreisende Frau. Der enge Zeitplan einer Reisegruppe stresste sie allerdings recht. Wir tauschten unsere Erfahrungen aus über das Reisen als Frau in islamischen Ländern. Sie besuchte Syrien und Ägypten, war in Afrika und arbeitete in Israel. Tat schon sehr gut, wieder mal eine westliche Frau zum Gedankenaustausch zu haben.
Eines begegnete mir noch in diesen zwei Tagen: Fussball. Nachdem an einem Abend das Spiel Bayern München - Real Madrid war, texteten mich die zwei jungen Verkäufer eines Gemüseladens gleich mit ihrem Wissen zu. Sie kannten jeden der Spieler der Bayern, einschliesslich der beiden iranischen. Ich hatte natürlich keinen blassen Schimmer, dass Iraner im Bayernteam mitspielen, war schon froh wenn ich wenigstens einige der Namen erkannte. War sehr witzig.
Die vielen Youngsters auf der Strasse waren zum an die Wand klatschen. Kaum kam ich aus der Hoteltüre, liefen mir zwei Jungs auch schon nach und riefen "hello, come". Die Erwachsenen schauten meist weg (was das Einkaufen in Läden etwas nervig gestaltete) oder sahen uns an, als kämen wir vom Mond. Über Ramsar wird gesagt, es sei einer der Haupttouristenorte am Kaspischen Meer.
Als wir uns nach 2½ Tagen Ausruhen dann auf den Weg nach Gorgan im Osten machten und am Strassenrand auf den Bus warteten, begegnete uns der erste freundliche Mensch hier. Ein älterer Mann begrüsste uns und lud uns zum Mittagessen ein. Den Bus nach Gorgan könnten wir auch später nehmen. Nachdem wir dankend höflich ablehnten, wünschte er uns eine gute Reise "dann kommt ihr halt das nächste Mal zum Essen". Es gab also doch noch normale Iraner hier in Ramsar.
Nach Gorgen zu kommen, unserem ursprünglich nächsten Ziel, hiess mit drei verschiedenen Bussen ca. 150 km entlang der Küste zu fahren. Und die ist bis auf ca. vier km komplett mit Villen und Ferienhaussiedlungen zugebaut. Von der viel beschriebenen Schönheit des Kaspischen Meeres und dessen Provinzen sahen wir nichts. Die Berge im Hintergrund sahen nach Urwald aus. Wanderwege gibt es keine (welcher Iraner geht schon bergsteigen, das grenzt hier an Hochleistungssport). Der Küstenstreifen sah nach viel viel Geld und zwischendurch nach Disney Land aus. Die vielen Ferienhaussiedlungen haben alle ihr spezielles Design (oft recht poppig angestichen, mit Erkern und Türmchen versehen oder als grosse Ballone verkleidet) und ein Eingangshaus. Eines davon war ein grosser Fliegenpilz der als Pförtnerhaus diente, rechts und links daneben zwei kleinere als Markierung für die Ein- und Ausfahrtsstrasse. Den Iranern scheint's zu gefallen.
Gorgan erreichten wir bei Dunkelheit und Regen. Nachdem die Stadt genauso trübe aussah, wie alle anderen entlang der Küste, und uns nur ein Tag zum Wandern hier zu wenig erschien, beschlossen wir im Bus sitzen zu bleiben. Der fuhr nämlich weiter durch die Nacht direkt nach Mashad, unserem nächsten Ziel. Mit dieser Entscheidung machten wir den Hilfsbusfahrer überglücklich. Es ist immer wieder erstaunlich, wie überschwenglich sich die Iraner freuen können.
Der zweite Busfahrer konnte ein wenig englisch. Zuerst schrieb er uns einen Zettel mit der höflichen Entschuldigung, dass wir bitte nochmal 20 000 Rials für die Fahrt nach Mashad bezahlen müssen. Der Kassierer (konnte kein Englisch) überbrachte das Briefchen. War uns natürlich klar, dass wir nur bis Gorgan bezahlt hatten. Als wir zum Abendessen an einer Raststätte hielten, sorgte unser neuer Bekannter dafür, dass wir angenehm sassen, das richtige Essen bekamen, nicht den Bus verpassten (was kaum möglich ist, bei dem vielen Gehupe). Anschliessend hiess er uns, auf den beiden Sitzen hinter dem Fahrer Platz zu nehmen. Wir bekamen Tee serviert und er fing an zu erzählen. Er kam aus Maschad, arbeitete 15 Jahre in einer grossen Fabrik und hilft nebenher einem Freund aus, wenn der einen zweiten Busfahrer braucht. Er freute sich über alle Massen und fühlte sich sehr geehrt, dass wir beiden Ausländer entschieden, mit seinem Bus bis zu seiner Heimatstadt zu fahren. Wir plauderten den Rest des Abends über unsere Reise, seine Familie, bekamen von "morgen kommt ihr zum Abendessen" und "erst mal bleibt ihr bei mir zu Hause" ein verwirrendes Durcheinander von Einladungen.
Am anderen Morgen um 7 Uhr, als wir in Mashad ankamen, meinte er "erst mal kommt ihr mit zu mir zum Frühstück, dann könnt ihr ein Hotel suchen". So kann's gehen, wenn man im Iran mit dem Bus fährt - man landet beim Busfahrer zu Hause zum Frühstück - diese Gastfreundschaft hier war für uns jedesmal wieder unglaublich.
Seine drei Kinder waren schon in der Schule. Seine Frau machte uns auf und zog sich schnell schwarzen Pulli, Rock und Kopftuch an. Ihre bunte Hauskleidung war für Besuch nicht passend. (ich stellte mir vor, wie zu Hause jemand reagiert, wenn der Mann morgens um halb acht Fremde zum Frühstück mitbringt ... ). Die Familie wohnte in einem relativ kleinen Reihenhaus ( 80 qm) in einem Randbezirk der Stadt. Toilette und Bad waren in einem kleinen Anbau hinter dem Innenhof untergebracht. So lernten wir diesmal also einen simpleren Haushalt kennen. Wir wurden mit Rührei, Käse, Kräutern, frischem Brot und Tee bewirtet. Zum Nachtisch gabs dann auch noch Karamelbonbons. Unser Gastgeber führte uns seinen VCD-Recorder vor, liess Lambada und Lou Bega im Hintergrund laufen. Nach einem Stündchen brachte er uns zum Minibus, damit wir auch sicher in die Innenstadt fanden.
Sie freuten sich sehr, uns zu Besuch zu haben. Und wir finden immer noch nichts ausserordentlich Besonderes an uns. Vielleicht ist es nur die Offenheit, mit Einheimischen zu plaudern, ihren Erzählungen zu zuhören und ihre Einladungen anzunehmen? Wir hörten immer wieder, wie selten es ist, dass Touristen offen und frei mit Einheimischen sprechen. Die meisten scheinen unsicher oder desinteressiert zu sein, Pauschaltouristen wie Rucksackreisende gleichermassen. Dieses Problem haben Håkan und ich jedenfalls nicht, schon eher anders herum. Nach vier Wochen in diesem freundlichen Land waren wir nicht mehr aufnahmebereit für so viel Einblick ins Leben der Menschen. Unsere westliche Natur sehnte sich nach mehr Abstand und Anonymität. Nahmen wir uns vor: "in der nächsten Stadt gehen wir Einladungen aus dem Weg" kam auch schon prompt die Nächste.
Sie ist die östlichste Grossstadt des Iran, berühmt für den Saffran der Gegend und Zentrum des Schiitischen Glaubens. In ihrer Mitte liegt das Grab des 8. Enkels des Propheten Mohammed, umgeben von einem runden weitläufigen Komplex aus Moscheen, Museen, theologischen Schulen, Bibliotheken. Imam Reza starb hier mit seinen Getreuen den Märtyrertod. Über der ganzen Stadt lag eine würdevolle Stimmung. Die Menschen dort begegneten uns mit überaus freundlichem Respekt, waren stolz, dass wir ihre Stadt besuchten. Fast alle Frauen trugen schwarze Tschadors. Ich kam mir auf der Strasse jedesmal halbnackt vor, "nur" mit dunkelblauem Mantel und blau/grauem Kopftuch verhüllt.
Und uns erwischte der Sommer hier. Es war HEISS. Jede Bewegung war mühsam. So hielten wir es wie die Einheimischen hier: zwischen 12 und 17 Uhr war Siesta. Wir hielten uns mit Eiswasser vom Hotelrestaurant und Ventilator am Leben. Unser Hotel war ein richtiger Glücksgriff. Die zwei Herren an der Rezeption kümmerten sich warmherzig und unaufdringlich um unser Wohlbefinden. Von unserem Zimmer aus sahen wir auf den Shrine- Komplex. Nachts leuchteten seine Minarette und Kuppeln in gold und blau vom Flutlicht. Wir blieben vier Tage hier, genossen die Ruhe und die freundliche Stadt.
Die zwei an der Rezeption spiegelten die gegensätzlichen Anschauungen der Menschen im Iran wieder.
Der eine war früher bei der Marine. Da seine Rente zu wenig ist, arbeitet er nun an der Hotelrezeption. Wenn er könnte, würde er ins Ausland gehen. Er ist nicht glücklich mit seinem eigenen Land, findet die islamischen Kleidervorschriften für Frauen übertrieben, mag den Klerus nicht und nicht die Korruption im Staat. Warum uns denn dieses Land so gut gefällt? Europa sei doch viel besser.
Der andere liebt sein Land und seine Stadt. Er war stolz und freute sich aufrichtig, dass wir sein Land schätzen und uns hier wohl fühlen. Er lud uns ein, beim nächsten Besuch wieder in "sein" Hotel zu kommen.
Wir verlängerten unser Visum hier, was recht amüsant war. Nach einigem Suchen fanden wir das Aliens-Office (die iranische Kurzform für Ausländeramt). Wir bekamen einen Zettel in Farsi in die Hand gedrückt und wurden zur nächsten Bank geschickt, um je 10 000 Rials Gebühr einzuzahlen. Wieder zurück wurden wir zu einem Kiosk vor der Behörde geschickt, um für je 5 000 Rial einen Aktendeckel mit inliegendem Visaantrag zu kaufen (so spart sich die Regierung wohl Kosten für Büromaterial). Antrag ausfüllen, Aktendeckel mit Namen beschriften, Antrag und Pässe abgeben, servierten Tee geniessen, warten bis ein Chef unterschrieb, Fingerabdruck (!?) mit roter Tinte auf den Antrag drücken, warten ... Da sich der islamische Kalender mit dem gregorianischen für uns günstig überschnitt, bekamen wir nach 1½ Stunden Prozedur 34 neue Tage Visum. So viele Leute berichteten uns, wie schwierig und umständlich es sei, im Iran sein Visum verlängert zu bekommen. Waren wir die einzigen Touristen hier im Land, die ohne grossen Aufwand mehr als 2 Monate Visum bekamen??
Die Saffran-Geschäfte hier waren die Schau. In blitzblank polierten Schaufenstern standen Glasgefässe verschiedener Grössen (mindestens eine in Bodenvasenhöhe war dabei) bis an den Rand mit dunkelroten Saffranfäden gefüllt. Zuerst dachte ich, es seien Auslagenatrappen. Falsch gedacht. In manchen Gläser befand sich bald ½ Kilo des wertvollen Gewürzes. Uns kam es als Verschwendung vor, diese Schätze im Schaufenster vertrocknen zu lassen. Maschad schien im Saffran zu schwimmen. In den Geschäften konnte man sich dann wie beim Juwelier aus den verschiedenen kleinen und grossen Dosen und Flacons, ausgestellt in den Vitrinen der Verkaufstische, seine gewünschte Menge und Präsentationsform aussuchen. Ein Schlaraffenland für uns Gourmets ;-) Wir deckten uns mit Saffran ein, geniessen heute noch Saffranjoghurt zum Frühstück, lecker ....
Dieser Moscheenbezirk ist ein Ereignis für sich, für Moslems wie Nichtmoslems gleichermassen.
Der ganze grosse runde Platz ist von einer Schmuckmauer mit Arkaden umgeben, reich verziert mit Mosaikkacheln. Alle Taschen müssen seit dem Bombenattentat 1994, bei dem 27 Menschen starben, an einem der vier Eingänge abgegeben werden. Die Aufbewahrung ist kostenlos und man bekommt eine Nummer. Danch geht man, Frauen und Männer separat, durch die jeweilige Sicherheitskontrolle (ähnlich wie im Flughafen). Håkan wurde durchgelassen. Mich hielt eine Sicherheitsdame auf und redete in Farsi auf mich ein. Ich verstand kein einziges Wort, allerdings klang sie nicht nach Begrüssung oder Wohlwollen. Der Wärter, der Håkan begleitete schaute nach ein paar Minuten durch den Sichtschutz und ich durfte passieren. Sehr seltsam. Wir wurden dann zum Office für ausländische Pilger begleitet. Der ganze Komplex ist für Nichtmoslems genauestens organisiert. Im Begrüssungsoffice gibt man seinen Pass ab (in unserem Falle die Studentenausweise). Man bekommt Zeit, sich eine Wandausstellung über das Leben und Wirken von Ayatollah Khomeini (von seiner Geburt bis hin zum Tod) anzusehen (Håkan erinnerte es an Propaganda von Scientology). In einem Bereich lief ein Videofilm über Imam Reza auf Englisch. Eine Mitarbeiterin kam und zeigte mir, wie ich den farbigen Leih-Tschador tragen sollte, über den Kopf gehängt, von innen mit einer oder beiden Händen zusammengehalten. Im ganzen heiligen Bezirk müssen Frauen Tschadors tragen, Männer lange Hosen und lange Hemden. Nichtmoslems dürfen ohne Guide nicht im Komplex umherlaufen und nur die Museen besuchen. Die Moscheen blieben uns leider verschlossen.
Unser Guide war sehr mitteilsam und sprach gut englisch. Zu dritt (eine Koreanerin war noch dabei) führte er uns durch die Vorhöfe der Moscheen, vorbei an Eivans (architektonische Nischen vor Moscheen), Minaretten, Brunnen, einem kleinen Pavillion. Ich war platt von all der unaufdringlichen Pracht. Jede Wand, jede Decke, jeder Durchgang, jeder Bogen war mit hunderten, tausenden Mosaikkacheln geschmückt. Zusammen mit den goldenen Minaretten und der goldenen Kuppel über dem Schrein ( die sind mit echtem Gold überzogen ...) ergab es eine unglaubliche Farbenpracht. Wie gerne wäre ich stundenlang einfach nur in den Höfen umhergewandert und hätte mir die vielen Nischen und Muster angesehen. Leider ist das nicht möglich. Und der Tschador störte beim Umhersehen. Die iranischen Tschadors haben kein Band zur Befestigung am Hinterkopf. So rutschte dieses riesige Stück Stoff ständig nach hinten hinunter, zog mehrere Male mein Kopftuch komplett mit oder verrutschte es, so dass meine Haare rausschauten. Es artete für mich in ständige Arbeit aus, respektvoll bekleidet zu bleiben. Kein Wunder, dass die Frauen hier (trotz jahrelanger Übung) ständig ihre Tschadors zurechtziehen, wenn sie durch die Strassen gehen. Da haben es die Männer um einiges leichter (wie so oft im Leben).
Unser Guide ging mit uns zuerst zum Teppich Museeum. Es enthält alte und neue wertvoll, handgeknüpfte Teppiche. Einige sind 400 andere nur 20 Jahre alt. Alles Spenden von Pilgern an den Shrine. Einer war vom Anfang des letzten Jahrhunderts, zeigte Kaiser Wilhelm und zwei andere deutsche Würdenträger, umgeben von den Wappen und Namen deutscher und österreichischer Länder. Darunter stand "dem Siege zur Ehre". Ich hab vielleicht geguckt, als ich das sah. Unser Guide wusste allerdings nicht, von wem diese exotische Spende kam. Erfreulicherweise zahlen Ausländer hier genau den gleichen Eintrittspreis wie Einheimische, 2 000 Rial. Eine grosse Gruppe Studentinnen gesellte sich zu uns. Sie wollten von mir das übliche Woher und Wohin wissen, wie uns der Iran gefällt, wie ich mit dem Tschador zurecht komme, ob Håkan mein Mann sei. Dann diskutierten sie etwas auf Farsi und wir baten unseren Guide um Übersetzung. Der wurde etwas verlegen. Die Mädchen hatten besprochen, ob sie Håkan mit seinen langen Haaren wohl in ihr Dormitory schmuggeln könnten ... :-)
Anschliessend gingen wir zum Hauptmuseum und unser Guide zurück zum Office, um neue Besucher zu begrüssen. Er fragte vorher noch lächelnd Håkan, ob man denn die History im Internet Explorer löschen könne. Er surfte auf einer Seite von Honda und sein Chef fragte, was er denn mit Honda zu schaffen habe. Honda war wohl eher eine hübsche Internetdame oder ... ;-)
Das Hauptmuseeum ist untergebracht auf drei Etagen eines modern umgebauten Seitentrackts. Es enthält einen seltsamen Mix aus Pilgergaben (Medaillien von Sportlern, wertvolle Bücher, Briefmarken), Donationen ausländischer Würdenträger, Ausgrabungsgegenstände des Moscheenkomplexes, hunderte von Meermuscheln in unzähligen Farben, Formen und Grössen, alte nautische Instrumente, Porzellan aus Persien und China, alte Säbel und Pistolen, Ölgemälde zweier berühmter islamischer Maler (sie malen hauptsächlich Szenen aus dem Leben des Imam Reza oder dem Koran). Ein gut bestückter Stand verkaufte Postkarten und Bücher. Als wir so entlang der Vitrinen gehen, kommt Håkan auf mich zu: der Chef des Museeums lädt uns zum Tee ein. Da sassen wir also im Büro des Museeumsleiters. Er freute sich ausserordentlich, zwei Besucher aus Schweden zu haben. Schweden waren ihm hier noch nie begegnet. Er erzählte von seiner letzten Arbeitsstelle für die iranische Regierung in Indien (sein Englisch war deutlich indisch eingefärbt), erklärte uns den Grund für die zwei verschiedenen Wechselkurse im Iran (es gibt einen offiziellen nach aussen für Geschäftsleute quasi als Subvention, und einen inoffiziellen offiziellen nach innen für alle anderen) und fragte, was er denn im Museum noch verbessern könne. Eine schwierige Frage. Was antworten bei einem so liebevoll zusammengestellten Durcheinander von thematisch nicht zusammenpassenden Ausstellungsstücken? Wir zogen uns diplomatisch und höflich aus der Affäre, wie so oft.
Als wir zurück zum Pilgerbüro kamen, hatte es schon geschlossen, es war nach Mittag. Unser Guide vom Vormittag wartete in einem anderen Büro. Er wunderte sich schon, was uns denn so lange im Museeum interessiert. Nachdem er nun frei hatte bot er an, mit uns in seinem Auto zum Ferdosi-Mausoleum (der dritte der grossen persischen Poeten) zu fahren. Wir lehnten dankend ab, brauchten einfach eine Pause, und enttäuschten ihn. Damit hatte ich die ganze Zeit im Iran Schwierigkeiten. Die Menschen waren so warmherzig und ambitioniert, uns die besten Seiten ihres Landes zu zeigen. Nur, alle Einladungen anzunehmen überstieg schlichtweg unsere Energie. So blieben Enttäuschungen nicht aus, die Menschen im Grunde nicht verdienten.
Wir hätten glatt in Maschad hängen bleiben können. Taten es aber nicht, da wir in Pakistan eine Freundin aus Syrien treffen wollten und die Zeit drängte.
So nahmen wir also einen Nachtbus, Start um 17 Uhr am Terminal. Als wir auf unseren Bus warten, spricht uns ein Fahrer an: Er freute sich, hier zwei Reisende zu treffen. Wir sollen erst mal zu ihm nach Hause mitkommen (war ca. 80 km entfernt an der afghanischen Grenze). Nach Yazd können wir auch morgen noch fahren, er regelt das mit unserem Ticket. Es war lieb gemeint und wäre bestimmt interessant gewesen. Wir fuhren dennoch direkt nach Yazd. Die Strecke war interessant. Zuerst fuhren wir entlang grüner sanfter Hügelketten, alte Dörfer und Ruinen von Festungen zogen vorbei. Drüber ging gross und golden der Mond auf. Meine Fantasie bekam mal wieder Flügel und ich sah die Karavanen auf den Seidenstrassenwegen durch die Gegen ziehen. Dann kam die Wüste. Ebene, Steine, schroffe Felsen, Trockenheit.
Der Hilfsbusfahrer fragte Håkan, ob wir Einladungen von Einheimischen annehmen können. Wir waren recht erstaunt, nach unseren vielen Besuchen hier. Er erzählte uns, wie die Situation vor vier Jahren war. Er traf zwei Amerikaner und wollte ihnen behilflich sein, eine Adresse zu finden. Ein Polizist kam dazu, fragte ihn ob er die beiden kenne und forderte ihn auf, sich zurückzuziehen. Wenn Ausländer Hilfe bräuchten sei die Polizei dafür zuständig und helfe gerne. Uns wurde deutlich, wieviel Khatami das Land wieder nach aussen hin öffnete und wie viel politische Verunsicherung noch in den Menschen steckt. Er berichtete, dass er auch gerne reisen würde, aber keinen Pass ausgestellt bekommt, da er Pilot bei der Armee war.
Am Morgen beim Gebetsstop an einer Moschee dann die nächste Einladung. Zwei junge Mädchen sprachen mich an, ob ich denn ein Mittel gegen nässenden Hautausschlag im Gesicht wüsste. Leider nicht. Wir plauderten ein wenig, allerdings mit Schwierigkeiten mangels Englischkenntnissen. Bevor wir zurück in den Bus stiegen meinten sie "come to my house". Sie waren beide aus Yazd. Dummerweise stiegen sie aus, bevor ich ihre Telefonnummer aufschreiben konnte.
Yazd gilt als eine der ältesten Städte der Welt, sie steht auf der Liste der UNESCO. Wir allerdings hatten erst mal Probleme ein Hotel zu finden, da alle Schilder nur in Farsi geschrieben standen. Hatten wir endlich eines bezogen, machten wir bald Bekanntschaft mit dessen Untemietern. An einem Vormittag wurde der Gang fleissig gestaubsaugt und geputzt ... was ca. 20 Kakerlaken (soviele bekamen zumindest wir zu Gesicht) in verschiedenen Grössen aus ihren Schlupflöchern aufscheuchte und in Panik auf Gang und Treppe umhersausen lies. Zwei von ihnen verirrten sich in unser Zimmer und fanden einen gewaltsamen Tod. Am Nachmittag war dann alles wieder ungezieferfrei. Putzen hat manchmal anscheinend den gegenteiligen Effekt.
Der Sommer war auch hier in vollem Gange. Für uns war wieder Siesta angesagt.
Die Haupattraktion der Altstadt sind ihre vielen Gassen mit Lehmziegelhäuser und die sog. Windtürme. Dies sind hohe, massive Lehmziegeltürme, bis zu 33 m hoch, konzipiert den leichtesten Luftzug von draussen einzufangen und in die Häuser weiter zu leiten. Die perfekte Klimaanlage in der Hitze. Einen Vormittag stromerten wir durch die verwinkelten Gassen eines Teils der Altstadt. Ruhe, braune Lehmtöne, Mausoleen, schattige Durchgänge, keine Autos und immer wieder die charakteristischen Windtürme. Es war, wie wenn wir durch eine andere andere Zeit wandern würden. Wir besuchten einen alten Schahpavillion und stellten uns direkt unter seinen Windturm im Inneren. Es kam wirklich kalte Luft die Schächte hinunter, draussen schwitzen wir und flüchteten in jeden möglichen Schatten. Beeindruckende, simple Technik.
Zwischen all den alten Häusern stehen wunderschöne grosse Moscheen. Eine neue und eine historische besuchten wir. Die Minarette von Yazd ragen schlank in unglaubliche Höhen. Man konnte fast meinen, sie schwebten im Himmel. Die Farben der beigen Bauwerke und blau/grün geschmückten Moscheen mischten sich im gleissenden Sonnenlicht zu einer Traumstadt.
Vor den Moslems war Persien vorwiegend zororastrisch. Ein Teil der übriggebliebenen Minderheit dieser Religion wohnt in Yazd. Ihren wichtigsten Feuertempel und die nicht mehr benutzten Türme des Schweigens besuchten wir.
Die zwei Türme des Schweigens liegen am Stadtrand in der Wüste. Sie sind gross und flach auf Hügel gebaut. Sie dienten als Friedhof. Die Anhänger von Zarathustras Lehre legten ihre Toten in eine Vertiefung in der Mitte der Türme, um das Element Erde nicht zu verschmutzen. Geier entsorgten die menschlichen Überreste. Sie werden schon lange nicht mehr benutzt. An Stelle der Türme (es gibt auch welche in Mumbai/Indien) sind nun Betonsärge getreten. Von den Anhöhen aus hat man einen weiten Blick über die heutige Stadt und die Berge dahinter. Allerdings war's als wir dort waren zu diesig von all der Hitze und dem sandigen heissen Sturm, durch den wir uns auf dem Hinweg durchkämpfen mussten. Der Feuertempel liegt am Rande der Altstadt. Die heilige Flamme in seinem Inneren brennt angeblich seit 470 AD. In dem Vorraum davor hängen viele Zitate aus der Lehre Zarathustras. Ich las sie alle! Sie handelten vom Streben nach Wissen, von Gleichberechtigung der verschiedenen Geschlechter und Völker, von der Achtung und Pflege der Natur und der Mitmenschen. Mir kam der Gedanke, ob diese jahrtausendealte Religion wohl der Ursprung aller Religionen war. Ihre Elemente finden sich im Koran, in der Bibel, in der Thora, im Buddhismus. Jede Religion erscheint neben ihr als Weiterentwicklung der vorherigen. Ewiges Licht in christlichen Kirchen, das Streben nach der Weisheit der Seele, ständiges Lernen im Buddhismus, der Respekt allen Menschen gegenüber egal welchen Glaubens im Islam. Die Kernlehren gleichen sich erstaunlich. Wir hatten den Tempel 15 Minuten für uns alleine. Dann kamen leider zwei Busse voller lärmender Schüler und die Besinnlichkeit war vorbei. Nun weiss ich zumindest, wo das Opernstück "also sprach Zarathustra" herkommt ... und noch einiges mehr.
Begegnungen:
In Yazd trafen wir zum ersten Mal seit unserer Ankunft im Iran auf mehrere andere Backpacker. Ausser zwei Franzosen in Isfahan und den beiden aus Afghanistan kommenden in Maschad, trafen wir vorher ausschliesslich Reisegruppen. Die Stadt scheint auf einer Backpackerroute zu liegen. Und diese hinterlässt auch ihre negativen Spuren. Im offenen Hof unseres Hotel sass eine Gruppe auf dem Boden zusammen, zwei Frauen ohne Kopftuch ... ein Restaurant stellte sich auf die Bedürfnisse von ihren Budget-Travellern ein, mit erhöhten Preisen natürlich ... die Frau eines österreichischen Pärchens kicherte überlaut im Restaurant, flirtete mit Iranern am Nebentisch, ihr Kopftuch rutschte des öfteren fast ganz bis in den Nacken, was sie nicht sonderlich zu stören schien ... Männer trugen Shorts. Wir hatten grosse Schwierigkeiten mit diesen Missachtungen der iranischen Gesellschaftsregeln. Wir Reisenden sind nun mal Gäste in diesem Land, egal ob pauschal oder individuell. Und dementsprechend sollten wir uns auch respektvoll aufführen. Leider sahen wir einige Leute, die dies einfach ignorierten. Im Bus zurück von den Türmen nahm mich eine junge Studentin schon beim Einsteigen in Beschlag. Sie erklärte mir Stadtteile und Parks, wieviel wo welche Wohnung kostet, zeigte mir das Haus ihres Bruder und erzählte von ihrer Familie. Beim Aussteigen meinte sie, ob wir denn auch zurück ins Hotel fänden. Vielleicht schreibt sie ja mal. In der Hauptgeschäftsstelle der Staatsbank wechselten wir Geld um. Wir wurden zu 4 verschiedenen Angestellten geschickt. $-Noten prüfen, Formular ausfüllen, Formular unterschreiben, Geld ausgeben, Beleg ausstellen. Jeder hat seinen eigenen Aufgabenbereich und ist unersetzlich für die ganze Prozedur. Und ein älterer Herr fing mit uns ein Gespräch an, schenkte uns einen Taschenkalender seiner Bank und lud uns zum Abendessen ein. Er hätte zwei Teenager zu Hause, die ausländischen Besuch lieben. Leider versuchten wir vergeblich, ihn auf dem Telefon zu erreichen.
Nach zwei Tagen fuhren wir weiter Richtung Osten, mit dem Bus durch die Wüste nach Bam.
Wir kamen in Bam mitten im Dunkeln an. Als ich aus dem Bus stieg, bewarf mich erstmal ein Kind mit etwas Undefinierbarem. Dann war mein Rucksack voller Benzin. Anscheinend war im Kofferraum ein Kanister ausgelaufen. Das ging ja gut los. Zum ersten Mal im Iran benutzten wir dann ein Taxi. Ohne hätten wir unseren Hoteltip nie gefunden.
Nach Bam ist es wert wegen genau zwei Dingen zu kommen. Die Burg und das Tourist Guesthouse Akbar. Der Rest ist grosser Mist.
Vom Guesthouse erfuhren wir von den beiden Franzosen in Isfahan. Es besteht seit nunmehr 5 Jahren, ist das umgebaute, ehemalige Wohnhaus der Familie. Der Besitzer reiste früher viel durch die Welt und erfüllte sich im Alter den Traum, ein Hotel für Reisende aufzumachen, in dem sie sich wohlfühlen. Aus dem Traum wurde ein Traum. Das Haus ist gemütlich, mit Zimmern und Schlafsaall. Es hat einen grossen, von aussen nicht einsehbaren Innenhof. Wir Frauen konnten so ungeniert in T-Shirt und Hose rumlaufen. Unter einem Schattendach aus Palmwedel waren Sitzbänke aufgestellt. Zwischen den Palmen lebten drei grosse und eine kleine Schildkröte. Die kleine Schildkröte hiess Habib, war 8 Monate alt, ca. 6 cm Panzerdurchmesser und wedelte wie wild mit ihren Füssen als ich sie in die Hand nahm. Sie schlüpfte aus einem Ei der Grossen. Hier war ein Refugium zum Auftanken. Der Besitzer vermied es bis jetzt erfolgreich im LonelyPlanet Guidebook gelistet zu werden. Er findet es schöner, wenn seine Gäste durch Mundpropaganda vom Hotel erfahren. Die Leute, die durch die Reisebibel zu ihm kommen würden, würden zu viel negativen Einfluss mitbringen. 10 Monate im Jahr ist das Haus gefüllt, auch im Sommer. Håkan und ich schmunzelten als er dies erzählte. Er sah die Backpackerszene mit kritischen Augen. Wie selten und wertvoll. Hier trafen wir dann unter anderem auch Alexander aus Puchheim. Jawohl, Puchheim Bahnhof neben Germering. Er studiert Forstwirtschaft in Weihenstephan, seine Freundin ist aus Upsala/Schweden, kennengelernt auf einer Reise in Südostasien. Wie klein die Welt doch ist. Ein japanisches und ein französisches Paar kamen aus Pakistan an. Wir lauschten neugierig ihren Berichten und sahen begeistert Fotos an ... bekamen richtig Lust auf das neue Land.
Zur alten Festung (Ursprung ca. 4 Jhd AD) liefen wir 3 km durch die Hitze. Schon morgens um 10 Uhr war es unerträglich heiss. Die Burg selbst besteht aus einer weitläufigen Stadtanlage mit Moschee, Karavansereien, Marktplätzen, Eishaus. Wohnhäusern usw. Einige sind nur Ruine, andere gut erhalten oder wieder aufgebaut. In der Mitte ragt die Zitadelle hoch heraus. Wir erkundschafteten die Stadt, versuchten in der Hitze zwischen all den Steinen zu überleben, kletterten auf den höchsten der Türme hinauf. Von dort hatten wir einen weiten Blick auf Bam (sieht eher aus wie eine Wüstenoase in Ägypten mit all den vielen Palmen) und die umliegende Wüste (in der wir glatt noch weitere Festungen entdeckten). Grün der Oase, Beige der alten Lehmziegelstadt, Blassblau des Mittagshimmels. Diese Farbspiele fasziierten mich immer wieder.
Die Stadt Bam an sich ist hässlich, voller Müll, ihre Menschen sind rüde. Um den Bazaar herum rempelten die Fussgänger einander an, um sich ihren Weg zu bahnen. So was hatten wir im Iran noch nie erlebt. Ein Mann zog Håkan heftig an seinen langen Haaren, der packte ihn dafür an der Gurgel. Unserem Hotelier war die Unfreundlichkeit der Einheimischen nichts neues und er entschuldigte sich dafür. Viele afghanische Flüchtlinge und pakistanische Gastarbeiter leben in Bam. Sie würden die Gesellschaft negativ beeinflussen. Na Bravo, dachten wir. Was uns dann wohl in Pakistan erwartet? Bam war ein erster Vorgeschmack auf eine rüde Männergesellschaft. Aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Nach zwei angenehmen Tagen in "unserer" Oase in Bam verabschiedeten wir uns von Habib.
Morgens um 6.30 fuhren wir los von Bam. Wüste, Wüste, Wüste und entsprechende Hitze draussen. Nach 4 Stunden Schwitzen kamen wir in Zahedan an, der letzten grösseren Stadt vor der Grenze. Potthässlich, staubig, die meisten Männer sahen wie Bilderbuchräuber aus, dunkel mit zerzaustem Bart, beäugten uns misstrauisch oder machten Witze über uns. Ein unwirtlicher Haufen Beton. Kaum aus dem Bus draussen belagerte uns schon ein ganzer Schwarm Taxler. Sie wissen genau, dass alle Touristen die hier ankommen an die pakistanische Grenze wollen, weitere 100 km entfernt. Wir versuchten einen Bus in das Dorf Mirjave zu finden. Ohne Erfolg. Auch Durchfragen brachte uns nicht weiter. Alle Leute in Zahedan schienen zusammen zuhalten und den Taxlern ihr Geschäft nicht vermasseln zu wollen. Nach einer Stunde Warten wurde unser Taxi dann doch noch zum Sharetaxi (mehrere Male vesuchte der Fahrer uns zur Special-Fahrt mit 4 fachem Preis zu überreden, vergeblich) und wir fuhren los.
Eine gutausgebaute Schnellstrasse führt geradewegs durch die Wüste zum Hauptgrenzübergang Iran/Pakistan. Wir passierten einige Polizeicheckposts, zwei Motorradler kamen uns entgegen (einer auf einer indischen Enfield, der andere auf einem Tourenbike; tiefer Seufzer), sahen zwei sehr demolierte Autowracks im Strassengraben liegen (wie wir später erfuhren, waren es angeblich Heroinschmuggler die, da sie nicht anhalten wollten, am Morgen von der iranischen Polizei von der Strasse geschossen wurden). Als ich meine Hand aus dem Fenster hielt, blies mir heisser trockener Wind entgegen. Hier draussen schien kein Leben möglich. Und dann zogen kurz vor dem Wüstenörtchen Mirjave an der Grenze, gemütlich drei Kamelherden vorbei. Hier schienen wir wirklich auf dem Weg in den Orient. Den letzten Kilometer zur Grenzstation gingen wir zu Fuss. Das Taxi durfte durch die Absperrung nicht hindurch. Und dann kam doch noch Wehmut in mir hoch. Fünf Wochen Gast sein in diesem Land waren nun zu Ende. So glanzvoll und wichtig die Grenze Türkei/Iran aussah, so popelig und nichtig sah die Iran/Pakistan aus. Und Mirjave ist schliesslich der Hauptgrenzübergang. Scheinbar wahllos hingewürfelt lagen wenige flache Betonbauten im Sand, einige halbverfallen. Wir wurden von einem Beamten in den Transitraum gewunken. In einem kleinen Glashäuschen im Inneren stempelte ein anderer Grenzer unsere Pässe aus und wünschte uns mitleidvoll lächelnd gute Reise (was der wohl von Pakistan hielt?). Keine Gepäckkontrolle, nichts. Zwei alte Holztüren mit Glasfenster führten nach draussen. Auf der einen stand "Iran in", auf der anderen "Iran out". Wir gingen durch die "Iran out" ... und das wars dann. Khomeini sah uns als Mauergemälde von der Rückwand des Gebäudes zu, wie wir durch ein offenes Tor auf der Sandstrasse den Iran verliessen.
Was ist Wahrheit? Dieser Frage begegneten wir immer wieder auf unserer Reise durch den Iran.
Wurde die Bevölkerung von der Schahdiktatur unterdrückt, die freie Religionsausübung gehemmt (Kopftücher waren damals unter Strafe verboten), hofften sie auf Khomeini als ihren Befreier. Nach einigen Jahren merkten sie allerdings, dass viele Versprechungen auf ein besseres Leben auch unter der religiösen Führung nur Lügen waren. Von einem Extrem ins andere. Mochten die Visionen Khomeinis von einem reinen, dem Koran folgenden Staat auch noch so ehrlich gemeint sein. Es scheint, dass sobald jemand Macht bekommt (egal ob Klerus oder weltlich), diese Macht zur Korruption verleitet. Die Menschen im heutigen Iran sind enttäuscht. Enttäuscht von den ständigen Lügen, vom Ausgenutzt werden, vom in-die-eigene-Tasche-wirtschaften der Amtsträger, von Regeln die sie nicht befreien sondern einschränken. Sie engagieren sich, sind motiviert und arbeiten. Und wollen dafür auch die Früchte bekommen. Viele warten auf einen neuen Befreier.
Vor Präsiden Khatami ziehe ich den Hut. Er geht auf dem schmalen Grat zwischen Iran zu einem modernen islamischen Staat zu öffnen (ich bin davon überzeugt, dass die Verknüpfung von den gelebten Werten des Islam und einem demokratischen Staat wenn überhaupt, dann im Iran möglich ist) und die immer noch allmächtigen Kleriker nicht gegen sich aufzubringen. Ihre Macht schwindet, aber im Schneckentempo. Nach der Verhaftung von 41 Journalisten am Anfang unseres Iranbesuches, stand in den Zeitungen eine Stellungnahme Khatamis (im Iran gibt es sechs verschiedene, teilweise recht gute englischsprachige Zeitungen). Er distanzierte sich deutlich von den Verhaftungen, verurteilte sie als nicht rechtsstaatlich da sie jeder ernsthaften Grundlage entbehren, und dies ohne bestimmte Namen zu nennen. Im Laufe der Woche folgten Distanzierungen von verschiedenen Ministerien, Klerus usw. Am Ende war klar, dass die Jurispudenz auf eigene Faust gehandelt hatte. Iran ist kein Rechtsstaat. Richter legen die Gesetze nach ihrer eigenen Überzeugung aus. Die Presse findet ihren eigenen Stil, trotz Zensur mit heissen Themen umzugehen. Artikel sprechen Missstände konkret an, ohne bestimmte Verantwortliche zu nennen. Jedoch wird beim Lesen jedem klar (selbst uns Aussenstehenden), wer gemeint ist. Ein interessanter Artikel stand dazu in der Zeit: <http://www.zeit.de/2001/23/chatami>
So wie in deutschen Zeitungen überwiegend ein Schreckensbild vom Iran gezeichnet wird, mit Verhaftungen, Folterungen, Geheimpolizei überall, so wird in den iranischen der Westen als ein Sodom und Gomorra dargestellt, von ihm geht alles Böse aus. Die vielen Fernsehshows und Big Brother, das die Iraner per Satellitenfernsehen anschauen, tun ihr übriges. Viele glauben, dass alle Frauen in Konzertkleidung á la Maria Carey (superkurzer Minirock und 20 qcm Stoff zum Bedecken der Oberweite) rumlaufen, Paare in öffentlichen Bussen miteinander schlafen, Big Brother das wirkliche Leben der Menschen zeigt. Manchmal ernteten wir verständnislose Blicke, wenn wir erklärten das die TV-Welt nur eine fiktive ist. Dass in Europa nicht alles per Gesetz geregelt ist, heisst nicht, dass wir keine Ethik und Moral haben, deren Weisungen die Menschen folgen.
Iran ist ein wunderbares, interessantes Land. Wir hatten noch nie die Möglichkeit auf unserer bisherigen Reise, ein Land von Innen kennen zulernen. Viele Menschen im Iran gaben uns diese Möglichkeit und wir nahmen oft dankbar an. Wir kommen wieder.
Wenn jemand von Euch dieses Land besuchen wollt, bucht keine Reisegruppe (oder nur eine Halbtägige). Gute Hotels, Taxis und Reiseführer sind unterwegs leicht zu organisieren und erschwinglich (selbst wenn wir unser Ausgabebudget verdoppelt hätten, wären wir immer noch weit unter dem Preis von z.B. Studiosusreisen geblieben. Die verlangen für 3 Wochen 7000 DM). Iran ist so wertvoll seiner Menschen wegen. Und die lernt nicht kennen mit einer Reisegruppe.
Das war nun der lange Reisebericht vom Iran. Nun aber los ins nächste Land. Wie es so schön auf manchen iranischen Bussen im Fenster geschrieben stand: "Wegototrip Good Bye". Auf nach Pakistan.
Liebe Grüsse für diesmal von
Bettina + Håkan